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mit Measure for Measure zu Gast in Berlin
Grandiose Bildabfolge auf nackter Bühne: Zarte Umarmungen eines noch unbekannten Liebespaares/ die Verabredung der Macht/ ein frischerkorener Stellvertreter und seine Büttel/ Hubschraubergetöse/ der Herzog verlässt die Stadt/ zurück bleiben Karrieristen/ Anzüge mit Gesichtern/ In der Bühnenecke flimmert Bush über den Bildschirm/ Lord Angelo übernimmt seine Herrschaft und die Handlung ihren Lauf…. Zwei Stunden und zehn Minuten führt uns das Theater Complicite in atemberaubenden Rythmus durch Shakespeares Measure for Measure.
Das Stück wird 1604 geschrieben, nämlich nach Othello und vor Macbeth. Der Bestseller seiner Zeit ist Machiavelli. Shakespeares philosophisches, soziales und politisches Weltbild gerät aus den Fugen. Er wählt zwar die Form der Komödie, lässt aber inhaltlich die Muskeln spielen, experimentiert mit den Elementen, verknüpft Sex, Macht und Politik, untersucht das Verhältnis der Geschlechter, setzt Ideen gegeneinander und verbindet das wilde Gemenge durch den Herzog, einen großen Manipulator (brillant gespielt von Simon McBurney).
Im Herzen des Stückes aber geht es um Gnade und Bestrafung, letzteres in ihrer grauenvollsten Form, und Simon McBurney katapultiert uns direkt in den Todestrakt eines sehr amerikanisch anmutenden Gefängnisses. Es wird verstörend und kalt, eine Eiseskälte die sich wie die Anspielungen auf Bushs USA durch den ganzen Abend zieht.
Was passiert? Um studieren zu können wie Angelo, gestrenger Verfechter von Sitte und Moral, seine Macht ausübt, verbreitet der Herzog die Nachricht, er sei außer Landes, geht aber in ein Kloster und besucht regelmäßig, als Ordensbruder getarnt, das Volk und seinen Stellvertreter. Dieser will als erste Amtshandlung ein Exempel statuieren, verurteilt Claudio wegen Unzucht zum Tode, findet dann Gefallen an dessen Schwester Isabella (Naomi Frederick) und verlangt, als Preis für das Leben Claudios, ihre Unschuld....
Wer ist Angelo, fragt Shakespeare, dieser neue Herr über Leben und Tod? Er zeigt ihn uns als einen Mann, der anderen höchste moralische Maßstäbe anlegt, eben measures, sich selbst aber als zutiefst amoralisch erweist. Dennoch schreibt er ihm die anrührensten Monologe:
"Würde ich betend denken, hätten Gedanken und Gebet verschiedene Adressen: Zum Himmel send ich leere Wörter, während mein Sehnen nicht auf meine Zunge hört. Und ankert doch bei Isabella." Gleich darauf: „Blut, du bist Blut. Schreib’ lieber Engel’ auf das Horn des Teufels. Ist er dann immer noch der Teufel?"
Angus Wright, der diesen Teufel spielt, lässt einen wundervollen Theatermoment entstehen als er staunend wie ein Kind und mit größter Verwundbarkeit seine Erektion entdeckt und für einen Moment menschlich werden darf, nur um kurz darauf umso brutaler von Isabella zu fordern: Befriedige meine Lust oder ich lass deinen Bruder hinrichten. Isabella antwortet ihm mit der Wucht ihres Dramas und erschreckender Härte. Sie wendet sich an den Herzog, der grauen Eminenz, dem eigentlichen Drahtzieher und unsere Hoffnung auf Gnade und Gerechtigkeit. Der Herr offenbart sich jedoch am Schluss des Stückes. Es gelüstet ihm inzwischen höchstpersönlich nach der schönen Isabella und er macht ihr mit folgenden Worten einen Antrag: "What mine is yours and what yours is mine…." Doch was besitzt diese Frau, die gerade im Begriff ist ins Kloster zu gehen? Gar nichts, außer Eines: Ihre Unschuld. Wieder passiert Außergewöhnliches: Sie stürzt sich nicht jubelnd in die Arme des Herzogs, um mit ihm glücklich und zufrieden bis an das Ende ihrer Tage.... McBurneys Isabella würdigt diesen Mann mit keinem Blick, sondern schaut lange und wortlos ins Publikum und ihr Schweigen verrät viel über das Leben, dass sie bald erwarten wird, mit ihm und in seiner Stadt, in der die mächtigen Heuchler davonkommen, während die kleinen Kuppler, Luden, Lebemänner und Frauen, oft wahrhaftig und menschlich so groß, im Knast oder auf dem Block des Henkers landen.
Am Ende dieses Abends ist die herkömmliche Form der Komödie für jeden Zuschauer, der diese Aufführung erlebt hat, ein für alle Mal gesprengt. Das Theater Complicite hat uns ins Shakespearianische Universum geschleudert, und weil sich McBurney davor hütet, das Stück in die Zwangsjacke der einen gültigen ‚massage’ zu pressen, entlässt uns dieses Weltensemble mit einem geistigen und emotionalen Feuerwerk. Ganz großes Theater!
Simon McBurney, geboren 1957, in Cambridge machte seine Ausbildung an den Theaterschulen Jaques Lecoq , Philippe Gaulier und Monika Pagneux. Als Mitbegründer und künstlerischer Leiter des Theaters Complicite inszenierte er mit seinem internationalen Ensemble über dreißig Stücke und gastierte in aller Welt. Die Inszenierung Measure for Measure von William Shakespeare ist eine Koproduktion mit dem Royal National Theater, London. Das Theater Complicite ist regelmäßig in Berlin zu Gast. Zuletzt am 16.-18. Dezember im Haus der Berliner Festspiele.
(Ruth Simon)
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